Schriftliche Division – Absenkung fachlicher Standards im Mathematikunterricht der Grundschule?

Kleine Anfrage der Fraktion der FDP Bremen.

Das Land Bremen steht seit Jahren vor erheblichen Herausforderungen im Bildungsbereich. Der IQB-Bildungstrend 2024 bestätigt erneut und in aller Deutlichkeit den schlechten Leistungsstand bremischer Schülerinnen und Schüler. Fast jeder zweite Schüler im Land Bremen verfehlt die Mindestanforderungen für den mittleren Schulabschluss. Besonders gravierend sind die Rückstände im Fach Mathematik: Bremen liegt hier ein ganzes Schuljahr hinter Hamburg und nahezu anderthalb Schuljahre hinter Sachsen.
Umso unverständlicher erscheint vor diesem Hintergrund die Entscheidung des Senats, das schriftliche Dividieren nicht mehr verbindlich im Mathematikunterricht der Grundschule zu verankern. „Der Schritt […] kann sich auf der weiterführenden Schule rächen.“ Mit dieser Einschätzung wies der Präsident des Deutschen Lehrerverbands darauf hin, dass das schriftliche Dividieren in der Sekundarstufe inhaltlich aufgegriffen und vertieft wird, während eine systematische Grundlegung in der Grundschule an Bedeutung verliert. Gleichzeitig werden in der weiterführenden Schule Problemlösungs- und Transferkompetenzen verlangt, die ohne gesicherte rechnerische Grundlagen nur eingeschränkt entwickelt werden können.
Besonders in einem Bundesland mit großen Leistungsrückständen wirft diese Entscheidung grundlegende Fragen auf. Anstatt frühzeitig mathematische Grundfertigkeiten zu stärken, entsteht der Eindruck, dass auf Leistungsprobleme mit der Reduzierung von Anforderungen reagiert wird. Die Gefahr besteht, dass so aus einem Bildungsanspruch ein Bildungsminimum wird – mit langfristigen Folgen für Bildungsbiografien, Übergänge in weiterführende Schulen und berufliche Perspektiven.

Vor diesem Hintergrund fragen wir den Senat:

Fachliche Standards

  1. In welchem Umfang und mit welchem fachlichen Anspruch wurde das schriftliche Dividieren im Mathematikunterricht der Grundschule in Bremen in der Vergangenheit thematisiert und inwiefern handelt es sich dabei um eine vollständige, teilhafte oder ausschließlich vorbereitende Behandlung dieses Rechenverfahrens?
  2. In welchem Umfang und mit welchem fachlichen Anspruch wird das schriftliche Dividieren im Mathematikunterricht der Grundschule zukünftig in Bremen thematisiert und inwiefern handelt es sich dabei um eine vollständige, teilhafte oder ausschließlich vorbereitende Behandlung dieses Rechenverfahrens?
  3. Aus welchen fachwissenschaftlichen und mathematikdidaktischen Erwägungen heraus verzichtet der Senat zukünftig darauf, die schriftliche Division bis zum Ende der Grundschulzeit verbindlich vollständig zu erlernen, und welche Alternativen sieht der Senat zur Sicherung entsprechender Kompetenzen vor?
  4. Inwiefern sieht der Senat gewährleistet, dass Schülerinnen und Schüler, trotz des zukünftigen Verzichts auf eine vollständige verbindliche Erlernung der schriftlichen Division in der Grundschule, über hinreichende mathematische Kompetenzen für den weiterführenden Mathematikunterricht in der Sekundarstufe I verfügen?
  5. Inwiefern sieht der Senat gewährleistet, dass die Reduzierung der Thematisierung der schriftlichen Division in der Grundschule nicht zu einer Absenkung fachlicher Standards im Fach Mathematik führt, und auf welcher fachlichen, empirischen oder curricularen Grundlage beruht diese Einschätzung?
  6. Wie erklärt der Senat, vor dem Hintergrund der Ergebnisse des IQB-Bildungstrends 2024, die bereits auf erhebliche Defizite bei grundlegenden mathematischen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Bremen hinweisen, die gleichzeitige Entscheidung, zentrale mathematische Inhalte wie die schriftliche Division nicht mehr verbindlich im Mathematikunterricht der Grundschule zu verankern?
  7. Welche Positionen vertreten einschlägige fachwissenschaftliche und mathematikdidaktische Fachverbände, Expertinnen und Experten sowie Interessenvertretungen von Lehrkräften zur Reduzierung bzw. zum Wegfall der verbindlichen Vermittlung der schriftlichen Division in der Grundschule und wie bewertet der Senat diese Einschätzungen im Rahmen seiner Entscheidung?

Vergleich mit anderen Bundesländern

  1. Welche Bundesländer setzen den Beschluss der KMK von 2022 hinsichtlich des Verzichts auf eine verbindliche und vollständige Vermittlung der schriftlichen Division in der Grundschule nach Kenntnis des Senats bislang nicht oder nur teilweise um, und worin unterscheiden sich deren fachliche oder curriculare Auslegungen von der bremischen Umsetzung?
  2. Welche Schlussfolgerungen zieht der Senat daraus, dass leistungsstarke Bundesländer – wie etwa Sachsen – weiterhin an hohen fachlichen Anforderungen und einer systematischen Vermittlung zentraler Rechenverfahren wie der schriftlichen Division in der Grundschule festhalten?
  3. Inwiefern hält der Senat den bremischen Umsetzungsweg im Ländervergleich für pädagogisch und fachlich überzeugend, und anhand welcher Kriterien erfolgt diese Bewertung?

Anpassung der Bildungspläne / Anschlussfähigkeit zur Sekundarstufe I

  1. Inwiefern wird der geltende Bildungsplan für den Elementar- und Primarbereich im Fach Mathematik im Land Bremen infolge des Beschlusses der KMK von 2022 angepasst oder überarbeitet, insbesondere im Hinblick auf die Verbindlichkeit und curriculare Verortung der schriftlichen Division?
  2. Welche konkreten inhaltlichen Änderungen an den Bildungsplänen ergeben sich aus der Entscheidung, die schriftliche Division nicht mehr verbindlich in der Grundschule zu vermitteln, sondern erstmals in der Sekundarstufe I zu thematisieren und wie verändern diese Anpassungen jeweils Umfang, inhaltliche Tiefe und Verbindlichkeit der Lernziele? (Bitte differenziert nach Schulform und Jahrgangsstufen darstellen.)
  3. Ab welchem Schuljahr sollen die geänderten Bildungspläne verbindlich gelten, und welche Übergangszeiträume sind vorgesehen?
  4. Inwiefern wurden die fachlichen Auswirkungen der Verlagerung der schriftlichen Division auf den Umfang und die Gewichtung mathematischer Inhalte in der Sekundarstufe I, die verfügbare Unterrichtszeit für andere zentrale Themen sowie den zeitlichen Druck auf den Mathematikunterricht der Sekundarstufe I im Vorfeld geprüft?
    14.1 Wie werden diese Auswirkungen in der konkreten Ausgestaltung der Bildungspläne in der Sekundarstufe I berücksichtigt? (Bitte für die betroffenen Schulformen konkret angeben).
    14.2 Falls keine spezifischen curricularen Anpassungen oder zusätzlichen Steuerungsmaßnahmen vorgesehen sind: Auf welcher fachlichen Grundlage geht der Senat davon aus, dass die Verlagerung der schriftlichen Division ohne negative Auswirkungen auf die inhaltliche Balance, den zeitlichen Zuschnitt und das Anforderungsniveau des Mathematikunterrichts in der Sekundarstufe I bleibt?

Evaluation

  1. Plant der Senat eine systematische Evaluation der Auswirkungen der Bildungsplanänderungen auf Lernleistungen, Übergänge in die Sekundarstufe I und Ergebnisse externer Leistungsstudien?
    15.1 Falls ja: Anhand welcher Kriterien, Zeiträume und Vergleichsmaßstäbe soll diese Evaluation erfolgen?
    15.2 Falls nein: Aus welchen Gründen verzichtet der Senat auf eine systematische Überprüfung dieser grundlegenden curricularen Änderungen?