Jungs in Zukunftsberufe– wie gewinnt Bremen mehr junge Männer für Erziehungs-, Pflege- und Sozialberufe?
Kleine Anfrage der Fraktion der FDP Bremen.
Die Förderung von Mädchen in MINT-Berufen ist seit Jahren fest im gesellschaftlichen und politischen Bewusstsein verankert. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält die umgekehrte Perspektive: Jungen und junge Männer, die sich für sogenannte „Mädchenberufe“ interessieren, etwa in der Erziehung, der Pflege oder im Sozialwesen. Wer als Junge davon träumt, Erzieher oder Pfleger zu werden, sieht sich häufig noch immer mit Klischees, mangelnder Anerkennung im sozialen Umfeld und struktureller Skepsis konfrontiert – nicht selten auch im eigenen Elternhaus. Diese Berufe gelten vielen als wenig „cool“.
Gleichzeitig ist der Fachkräftemangel in Erziehung, Bildung, Pflege und Sozialwesen bereits heute so ausgeprägt, dass es sich die Gesellschaft nicht leisten kann, das Potenzial junger Männer für diese Berufsfelder ungenutzt zu lassen. Bundesweit fehlen in den kommenden Jahren in Heimen, Krankenhäusern, Kitas und Schulen hunderttausende Pflegekräfte, Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte. Multiprofessionelle Teams, gerade in Erziehungs- und Pflegeberufen, gelten als wichtiger Faktor für gute Betreuungs- und Versorgungsqualität – dafür braucht es mehr männliche Fachkräfte als bisher, denn gerade in den Erziehungsberufen, die sehr von weiblichen Bezugspersonen dominiert werden, ist es für Kinder und junge Erwachsene zunehmend wichtig auch im direkten Austausch mit männlichen Erziehern und Lehrkräften zu sein. Ihre Funktion als Rolemodels in diesem beruflichen Bereich ist unersetzbar.
Das Geschlecht sollte bei der Berufswahl keine Rolle spielen. Zugleich eröffnen diese Berufe jungen Menschen Perspektiven in zukunftsfesten Tätigkeitsfeldern, die sich durch persönliche Verantwortung, direkten menschlichen Kontakt und eine hohe Krisenfestigkeit gegenüber Automatisierung und Künstlicher Intelligenz auszeichnen.
Um Jungen frühzeitig für diese Berufsfelder zu begeistern, braucht es aus Sicht der Fraktion unter anderem mehr männliche Rollenvorbilder an Schulen, praktische Einblicke etwa durch Praktika zur Überwindung von Hemmschwellen sowie den Abbau struktureller Hürden – beispielsweise im Rahmen der Dualisierung der Erzieherausbildung.
Beschlussempfehlung:
Wir fragen den Senat:
- Wie hat sich der Anteil männlicher Auszubildender bzw. Studierender in den Berufen Erzieher, Pflegefachkraft (Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, Altenpflege), Sozialpädagogen und bei den Grundschullehrern in Bremen in den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte nach Beruf und Jahr aufschlüsseln)?
- Aus welchen Sozialindexlagen stammen die männlichen Auszubildenden in diesen Berufen überwiegend? Liegen dem Senat hierzu Daten vor?
- Hat sich die soziale bzw. milieuspezifische Herkunft männlicher Auszubildender in diesen Berufen in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wenn ja, in welcher Hinsicht?
- Welche Rolle spielen Bildungsherkunft und Schulabschluss der männlichen Auszubildenden bei der Berufswahl in diesen Berufsfeldern?
- Welche Maßnahmen hat der Senat in den vergangenen zehn Jahren ergriffen, um gezielt das Interesse von Jungen und jungen Männern an Erziehungs-, Pflege- und Sozialberufen zu wecken (bitte einzeln mit Zeitraum und – soweit bekannt – Ergebnis auflisten)?
- Welche konkreten Projekte zur Gewinnung männlicher Rollenvorbilder für Schulen und Berufsorientierung (z. B. Boys’Day, Praktikumsprogramme, Berufsorientierungs-wochen) gibt es aktuell in Bremen, und wie werden diese evaluiert?
- Mit welchen Klischees und Vorurteilen sehen sich junge Männer in Erziehungs-, Pflege- und Sozialberufen nach Kenntnis des Senats konfrontiert, und welche gezielten Maßnahmen unternimmt der Senat dagegen?
- Wie bewertet der Senat den Zusammenhang zwischen der Vergütung während der Ausbildung (schulisches Modell ohne Entgelt versus duale Ausbildung mit Entgelt) und der Attraktivität dieser Berufe für junge Männer?
- Welchen Stand hat die Dualisierung der Erzieherausbildung in Bremen und welche Effekte auf die Bewerberzahlen – insbesondere auf den Anteil männlicher Bewerber – erwartet bzw. beobachtet der Senat?
- Inwiefern liegen dem Senat Erkenntnisse über Kitainterne Regelungen im Bereich Kinderschutz (z. B. Einschränkungen bei Körperkontakt oder beim Wickeln) vor?
Sofern keine Erkenntnisse vorliegen, plant er eine Überprüfung dieser internen Regelungen, ohne den Kinderschutz zu gefährden? - Wie hoch ist der aktuelle und der für die kommenden Jahre prognostizierte Fachkräftebedarf in Pflege-, Erziehungs- und Sozialberufen in Bremen, und welchen Beitrag könnte eine stärkere Beteiligung junger Männer nach Einschätzung des Senats hierzu leisten?
- Welche Rolle spielen Praktika (z. B. Schulpraktika, Boys’Day) bei der Überwindung von Hemmschwellen, und wie viele entsprechende Praktikumsplätze wurden in den vergangenen Jahren in diesen Berufsfeldern in Bremen vermittelt?
- Plant der Senat, gezielte Informations- und Aufklärungsangebote zu Berufsbildern in Pflege, Erziehung und Sozialarbeit speziell für Jungen an weiterführenden Schulen in Bremen auszubauen?