Situation der Straßenjugendlichen und Sofa-Hopper in Bremen?

Kleine Anfrage der Fraktion der FDP.

Im März 2017 hat das Deutsche Jugendinstitut (DJI) die Studie „Straßenjugendliche in Deutschland – eine Erhebung zum Ausmaß des Phänomens“ vorgelegt. Diese Untersuchung zeigt, dass in Deutschland etwa 37.000 Kinder und Jugendliche auf der Straße leben, macht aber gleichzeitig auch deutlich, dass diese Zahl auf Grund der problematischen Datenlage nur eine Annäherung sein kann.

Die Stiftung Off Road Kids geht davon aus, dass in Deutschland jährlich etwa 2500 Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren auf die Straße geraten. Die Allermeisten kehren nach kurzer Zeit wieder in ihre Familien, Pflegefamilien oder sozialen Wohneinrichtungen zurück, während etwa 300 von ihnen dauerhaft auf der Straße leben und zu sog. Straßenkindern/-jugendlichen werden. Viele von ihnen sind vor Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch geflohen und müssen nun ihr Überleben auf der Straße durch Bettelei, Gelegenheitsprostitution und Kleinkriminalität sichern.

Als Straßenkinder/-jugendliche werden dabei Minderjährige bezeichnet, die sich ohne offizielle Erlaubnis eines Vormunds für einen nicht absehbaren Zeitraum jenseits ihres gemeldeten Wohnsitzes aufhalten und damit faktisch obdachlos sind. Da nach den vorliegenden Studien auch immer mehr junge Erwachsene (18-24 Jahre) auf der Straße leben, ist der gebräuchliche Begriff Straßenkinder vom DJI zu Straßenjugendliche abgewandelt worden.

Nachdem die Straßenkinder und -jugendlichen sowie ihre Lebensbedingungen in den 1990er und frühen 2000er Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung präsent waren, weshalb passgenaue Hilfsangebote entstehen konnten, ist es heute still um sie geworden. Durch die Popularität von Internet-Communities erfährt das Phänomen der Straßenjugendlichen aber einen Wandel, der auch eine Anpassung der Hilfestrukturen erfordert: Bei den sog. Sofa-Hoppern handelt es sich um Jugendliche, die abwechselnd bei verschiedenen Bekannten aus dem Internet Unterschlupf finden und nicht im Straßenmilieu auftauchen. Ihre Lebensbedingungen sind dennoch gefährlich, fraglich ist aber, wie sie passgenau erreicht werden können. Die steigende Zahl junger Volljährigen unter den Obdachlosen scheint darauf hinzudeuten, dass die allermeisten von ihnen am Ende doch auf der Straße leben. Hier spricht das DJI von entkoppelten jungen Menschen, die keinen Anschluss an die gängigen Hilfesysteme (bspw. Jugendhilfe, Jobcenter) finden. Verlässliche Zahlen allerdings legen hier nicht vor.

Straßenjugendliche suchen in der Anonymität großer Städte Schutz vor Entdeckung. Schon immer waren Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und Köln hier zentrale Orte. Aber auch in Dresden, Hannover, Leipzig oder Stuttgart gibt es viele Kinder und Jugendliche, die temporär oder dauerhaft auf der Straße leben oder als sog. Sofa-Hopper bezeichnet werden müssen. Bremen ist diesen Städten in seiner Größe vergleichbar.

Vor diesem Hintergrund fragen wir den Senat:

  1. Wie viele Kinder und Jugendliche in Bremen müssen nach der gängigen Definition als Straßenkinder/-jugendliche bezeichnet werden und wie hoch schätzt der Senat die mögliche Dunkelziffer ein? 
  2. Welche Möglichkeiten sieht der Senat, die Gruppe der sog. Sofa-Hopper zu erfassen und wie groß muss diese Gruppe unter den Kindern und Jugendlichen in Bremen geschätzt werden?
  3. Nach welchen Parametern und in welchen zeitlichen Abständen wird die Situation der Straßenkinder/-jugendlichen sowie der sog. Sofa-Hopper in Bremen erfasst?
  4. Wie ist die Altersstruktur der Straßenkinder/-jugendlichen sowie der sog. Sofa-Hopper (bitte nach Geschlecht trennen)?
  5. Wie viele von ihnen kommen aus Bremen selbst oder sind zugezogen?
  6. Wie viele von ihnen besuchen (noch) regelmäßig eine Bildungseinrichtung?
  7. Wie viele der Kinder und Jugendlichen konsumieren regelmäßig illegale Substanzen und wie viele von ihnen nehmen Drogenhilfeangebote in Anspruch? (Bitte nach Alter und Geschlecht aufschlüsseln)
  8. Bei wie vielen Kindern und Jugendlichen ist bekannt, dass sie sich schon mind. einmal prostituiert haben bzw. prostituieren? Wie viele werden zur Prostitution gezwungen? (Bitte jeweils nach Alter und Geschlecht aufschlüsseln)
  9. Wie viele Kinder und Jugendliche übernachten tatsächlich regelmäßig auf der Straße? (Bitte nach Alter und Geschlecht aufschlüsseln)
  10. Wie viele Kinder und Jugendliche sind straffällig geworden? (Bitte nach Alter und Geschlecht aufschlüsseln)
  11. Wie viele der straffällig gewordenen Kinder und Jugendlichen sind dies geworden, um ihr Überleben zu sichern? (Bitte nach Alter und Geschlecht aufschlüsseln)
  12. Wie viele dieser Kinder und Jugendlichen sind straffällig geworden, um sich mit Drogen/illegalen Substanzen einzudecken („Beschaffungskriminalität“)? (Bitte nach Alter und Geschlecht aufschlüsseln)
  13. Wie viele dieser Jugendliche sind verurteilt worden und welche sozialen Hilfen greifen nach der Verurteilung? (Bitte nach Alter, Geschlecht und Straftatbestand aufschlüsseln)
  14. Welche Hilfseinrichtungen für Straßenkinder/-jugendlichen und sog. Sofa-Hopper gibt es in Bremen, welche Angebote (inkl. Öffnungszeiten) halten sie bereit und wer sind die jeweiligen Träger dieser Einrichtungen?
  15. Gibt es im Bremer Stadtgebiet Einrichtungen, die den besonderen Bedürfnissen von Straßenkindern/-jugendlichen und sog. Sofa-Hoppern gerecht werden, denn ihren spezifischen Bedürfnissen werden Frauenhäuser oder Obdachlosenunterkünfte nur bedingt gerecht?
  16. Wo und in welchem Umfang können sich die Kinder und Jugendlichen mit Lebensmitteln versorgen, welche Duschgelegenheiten stehen ihnen offen und wie gelingt eine ärztliche Versorgung?
  17. Gibt es vollzeitbetreute Gruppen für Straßenkinder/-jugendlichen und sog. Sofa-Hopper oder Kinder und Jugendliche, die im Verlauf ihrer Biografie zu Straßenjugendlichen/Sofa-Hoppern werden könnten?
  18. Wie werden diese Hilfsangebote finanziert und wie hat sich die Finanzierung in den letzten fünf Jahren verändert?
  19. Gibt es einen Ansprechpartner für Straßenkinder/-jugendlichen und sog. Sofa-Hopper, der bedarfsgerechte Unterstützungsangebote plant und vermittelt?
  20. Welche typischen Aufenthaltsorte im Stadtgebiet werden von Straßenkindern/-jugendlichen aufgesucht und findet hier eine Ansprache durch Streetworker o.ä. statt?
  21. Welche Projekte gibt es in Bremen im Kontext der nachhaltigen Stadtentwicklung und einer Nachhaltigkeitsstrategie zur Reduzierung der Anzahl von Straßenkindern/-jugendlichen und sog. Sofa-Hopper, welche Instrumente greifen hier erfolgreich und welcher Wohnraum steht zur Verfügung?
  22. Welche Kenntnis hat der Senat, bei wie vielen Kindern und Jugendlichen es gelingt, ihnen ein Leben jenseits der Straße zu eröffnen?
  23. Wie viele Kinder und Jugendliche in Bremen sind gefährdet, im Laufe ihrer Biografie Straßenkinder/-jugendliche bzw. Sofa-Hopper zu werden und welche Indikatoren (bspw. häufiges Wegbleiben, sog. Ausreißen, Schulvermeidung, Gewalt/Missbrauch in der Familie) erfordern eine erhöhte Sensibilität im Umgebung, um sie davor zu bewahren?
  24. Wie groß ist die Zahl der Schulvermeider und wie bewertet der Senat die Gefahr, dass sie im Verlauf ihrer Biografie zu Straßenjugendlichen/Sofa-Hoppern werden?
  25. Mit welchen Beratungsangeboten wird in der Schule über das Phänomen der Sofa-Hopper informiert, um über die Gefahren zu informieren?
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